Martini-Glas-Cupping: Warum diese ungewöhnliche Brühmethode erstaunlich gut funktioniert
Specialty Coffee lebt oft von Präzision: Mühle justieren, Gießtechnik verfeinern, Extraktion messen. Umso spannender ist es, wenn eine Methode auftaucht, die fast spielerisch wirkt und trotzdem ein sehr klares Ziel verfolgt: den Charakter eines Kaffees so vollständig wie möglich schmeckbar zu machen.
Genau darum geht es beim sogenannten Martini-Glas-Cupping. Die Idee lehnt sich an klassisches Cupping an, also die professionelle Verkostung von Kaffee, übersetzt das Prinzip aber in ein Format, das zu Hause leichter trinkbar ist. Das Ergebnis ist kein Show-Effekt für die Küche, sondern eine durchdachte Hybrid-Methode zwischen Immersion, Cupping und sanfter Filtration.
Für alle, die in Berlin zwischen V60, Flat White und Natural-Ethiopia ohnehin gern tiefer in Kaffee einsteigen, ist das eine besonders reizvolle Technik: wenig Kaffeeeinsatz, viel sensorische Aussagekraft und überraschend viel Körper in der Tasse.
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Was an Cupping so besonders ist
In der Kaffeewelt gilt Cupping seit Jahrzehnten als Referenzmethode, um Kaffee zu beurteilen. Der Grund ist simpel: Es reduziert viele Störfaktoren.
Beim klassischen Cupping wird gemahlener Kaffee direkt mit heißem Wasser übergossen, zieht als Immersionsgetränk und wird später verkostet. Anders als bei Pour Over oder Espresso gibt es kaum Variablen wie Channeling, Flussprobleme oder komplexe Brühkurven. Dadurch lässt sich besser erkennen, was im Kaffee grundsätzlich steckt.
Der zentrale Gedanke aus dem Video ist dabei wichtig: Tasting Notes auf Kaffeetüten orientieren sich oft an dem, was im Cupping erfassbar ist. Eine Bohne kann auf dem Cupping-Tisch deutlich mehr Facetten zeigen als später in einer einzelnen Zubereitungsform. Auf Filterkaffee wirkt sie vielleicht fruchtig und süß, auf Espresso eher würzig und dicht. Cupping soll das Gesamtbild liefern.
Das macht die Methode so relevant für alle, die:
- neue Kaffees beurteilen wollen
- seltene oder teure Lots sparsam testen möchten
- den Unterschied zwischen Bohne und Brühmethode besser verstehen wollen
Das Problem: Cupping schmeckt gut, ist aber im Alltag unpraktisch
Wer schon einmal klassisch gecuppt hat, kennt die Kehrseite: Der Kaffee ist sensorisch spannend, aber als Trinkformat nicht ideal. Es bleiben Partikel in der Tasse, der Satz stört, und das Erlebnis ist eher Verkostung als entspanntes Trinken.
Viele versuchen deshalb, mit French Press einen ähnlichen Stil zu erreichen. Laut der Argumentation im Video klappt das aber nur bedingt. Der Pressstempel bringt Unruhe ins Kaffeebett, das Ausgießen ist nicht ganz sauber, und das Tassenprofil ist eben nicht identisch mit einem offenen Immersionsansatz.
Hier setzt das Martini-Glas-Cupping an: Es versucht, den vollen, komplexen Charakter von Cupping zu bewahren, aber die Tasse zugänglicher zu machen.
Die Grundidee hinter dem Martini-Glas-Cupping
Die Methode ist so ungewöhnlich wie logisch:
- Ein metallischer Filtereinsatz wird in ein konisch geformtes Glas gesetzt
- Das Wasser kommt zuerst ins Glas
- Der gemahlene Kaffee kommt erst danach in den Filter
- Die Extraktion läuft als Immersion, nicht als klassischer Perkolations-Filteraufguss
- Am Ende wird der Filtereinsatz herausgenommen
- Optional kann der fertige Kaffee noch durch einen Papierfilter gegossen werden, um ihn sauberer zu machen
Das Entscheidende daran ist nicht das Martini-Glas als Gimmick, sondern seine Form. Das Gefäß sollte so gewählt sein, dass der Kaffeesatz im Filtereinsatz vollständig vom Wasser umgeben und gesättigt werden kann. Ein breites, ungünstig geformtes Gefäß würde diesen Effekt laut Video nicht in gleicher Weise erzielen.
Warum Wasser zuerst? Der cleverste Teil der Methode
Der vielleicht wichtigste Kniff dieser Technik ist, dass nicht direkt auf das Kaffeebett gegossen wird.
Das hat mehrere Vorteile:
- Weniger Aufwirbelung Direktes Aufgießen würde feine Partikel leichter durch die relativ großen Öffnungen eines Metallfilters drücken.
- Natürliches Abdichten des Kaffeebetts Wenn sich der Kaffee im Wasser ausdehnt, bilden die Partikel gewissermaßen eine Barriere an den Öffnungen. Das reduziert den Durchtritt von Sediment.
- Mehr Kontrolle über die Tassenklarheit Da weniger aggressive Bewegung entsteht, bleibt die Tasse trotz Metallfilter vergleichsweise sauber.
Das ist ein guter Hinweis auch über diese Methode hinaus: Brühklarheit hängt nicht nur vom Filtermaterial ab, sondern stark davon, wie viel mechanische Unruhe man erzeugt.
Das Rezept aus dem Video
Die im Video genannten Parameter sind klar und eher kompakt gehalten:
Verhältnis
- 12 g Kaffee
- 200 g Wasser
Das entspricht grob einem Verhältnis von 1:16,7 und liegt damit in einem Bereich, der auch für Cupping typisch ist.
Mahlgrad
- ca. 450 Mikron
- Laut Video feiner als für V60
- Deutlich feiner als das, was oft fälschlich für French Press empfohlen wird
Hier wird eine verbreitete Annahme bewusst infrage gestellt: Immersion braucht nicht automatisch groben Mahlgrad. Der Argumentationskern lautet, dass feiner gemahlener Kaffee bei kontrollierter Trennung und ausreichender Ruhe oft besser schmecken kann.
Wassertemperatur
- 90 °C
- Alternativ auch heißer, wenn man Temperaturverlust ausgleichen möchte
Wichtig: Eine allgemeingültige optimale Temperatur wird im Video nicht festgelegt. Der Sprecher bevorzugt schlicht niedrigere Temperaturen.
Ziehzeit
- etwa 6 bis 7 Minuten
- mit dem Hinweis, dass auch längere Kontaktzeiten möglich sind
Das liegt über typischen French-Press-Rezepten, passt aber zum Cupping-Gedanken: lange Immersion für vollständige Extraktion.
Schritt für Schritt: So funktioniert die Methode zu Hause
1. Das passende Setup wählen
Du brauchst:
- ein konisches oder V-förmiges Glas
- einen Metallfilter oder Siebeinsatz, der hineinpasst
- Mühle, Waage, Löffel und heißes Wasser
Ein echtes Martini-Glas ist optisch charmant, aber funktional zählt vor allem die Geometrie. Das Gefäß sollte den Kaffee im Filtereinsatz hoch genug im Wasser stehen lassen, damit die Extraktion gleichmäßig läuft.
2. Wasser einfüllen
Zuerst kommen 200 g Wasser ins Glas. Das ist der grundlegende Unterschied zu den meisten Filterrezepten.
Dieser Schritt wirkt unspektakulär, ist aber entscheidend dafür, dass der spätere Kontakt zwischen Wasser und Kaffee möglichst sanft beginnt.
3. Kaffee in den Filter geben und benetzen
Anschließend wird der gemahlene Kaffee in den Metalleinsatz gesetzt. Danach wird mit einem Löffel vorsichtig dafür gesorgt, dass alles vollständig unter Wasser kommt.
Nicht hektisch rühren, sondern nur so viel bewegen, dass keine trockenen Inseln bleiben.
4. Kruste kurz später aufbrechen
Nach einer kurzen Wartezeit bildet sich wie beim Cupping eine Kruste. Diese wird dann sanft gebrochen, damit der Kaffee wieder absinkt und vollständig benetzt bleibt.
Im Video wird bewusst betont, dass zu aggressive Bewegung unerwünscht ist. Ziel ist nicht maximale Turbulenz, sondern vollständige Durchfeuchtung ohne unnötige Partikelmobilisierung.
5. Während der Ziehzeit gelegentlich leicht agitieren
Im Verlauf der Extraktion empfiehlt der Sprecher, den Kaffee mehrfach leicht zu bewegen. Der Hintergrund ist physikalisch plausibel: In der Flüssigkeit entstehen Konzentrationsunterschiede, also Zonen mit stärker und schwächer gelösten Bestandteilen.
Ohne Rühren kann sich das System langsamer angleichen. Leichte Agitation hilft, die Extraktion homogener zu machen.
Wichtig ist dabei die Dosierung:
- lieber kleine Bewegungen
- den Löffel eher am Boden führen
- Verklumpungen lösen, aber keine Partikelwolke erzeugen
6. Nach 6 bis 7 Minuten den Filter herausnehmen
Am Ende wird der Filtereinsatz aus dem Glas gehoben. Der Kaffee läuft schnell ab, weil es sich nicht um eine klassische Papierfilter-Bremse handelt.
Ein interessanter Detailhinweis aus dem Video: Der Einsatz wird noch einmal kurz abgesenkt, um eventuell stark konzentrierte Restflüssigkeit aus dem Kaffeebett mitzunehmen. Dahinter steckt die Überlegung, dass im nassen Bett noch geschmacklich relevante Flüssigkeit eingeschlossen sein kann.
7. Die Tasse gründlich umrühren
Ein Punkt, den viele unterschätzen: Auch nach dem Brühen sollte umgerührt werden.
Der Sprecher weist darauf hin, dass sich Flüssigkeiten unterschiedlicher Konzentration nicht automatisch perfekt vermischen. Wer sofort trinkt, riskiert also eine ungleichmäßige Tasse. Ein letzter kräftiger Stir sorgt für mehr Balance.
Optional: durch Papier filtern
Wer weniger Sediment möchte, kann den fertigen Kaffee am Ende noch durch einen V60-Papierfilter laufen lassen.
Das verändert die Tasse deutlich:
- mehr Klarheit
- weniger Schlammigkeit
- sauberere Textur
- dennoch noch viel Süße und Struktur
Gerade für Berliner Specialty-Fans, die gern zwischen cleanen Nordic-Roast-Profilem und volleren Immersionsmethoden wechseln, ist das ein spannender Mittelweg: Cupping-artige Extraktion mit einer deutlich eleganteren Tassenpräsentation.
Was sensorisch zu erwarten ist
Das Video beschreibt die Tasse mit Begriffen wie:
- voller Körper
- intensive Säure
- hohe Komplexität
- kräftige Süße
- bei Papiernachfiltration zusätzlich deutlich mehr Klarheit
Das ergibt Sinn. Immersion betont oft Textur und Vollständigkeit, weil das Kaffeewasser lange Kontakt mit dem Mahlgut hat. Gleichzeitig reduziert die sanfte Handhabung unnötige Störungen, die bei Metallfiltern sonst schnell zu übermäßigem Schmutzeintrag führen können.
Die Methode scheint daher besonders geeignet für:
- hochwertige Single Origins
- seltene Microlots
- Kaffees, die du erst einmal "verstehen" willst
- Situationen, in denen du nur wenig Bohnen übrig hast
Was diese Methode besser macht als French Press
Die implizite Kritik an der French Press ist im Video deutlich. Transformiert betrachtet lassen sich die Unterschiede so einordnen:
1. Weniger mechanischer Stress
Beim Herunterdrücken des Pressstempels wird das Kaffeebett stark bewegt. Das kann mehr Sediment in die Tasse bringen.
2. Mehr Nähe zum Cupping
Die Extraktion bleibt näher am offenen Immersionsprinzip. Dadurch soll die Tasse stärker an professionelle Verkostung erinnern.
3. Flexible Endreinigung
Du kannst den Kaffee so trinken, wie er ist, oder ihn noch durch Papier filtern. Diese Wahl hast du bei der klassischen French Press nicht in derselben Eleganz.
4. Kleine Mengen funktionieren gut
Mit 12 g auf 200 g Wasser ist das Rezept sparsam. Für teure Bohnen ist das ein echter Vorteil.
Die eigentliche Lehre: Gute Extraktion ist oft weniger dogmatisch als gedacht
Vielleicht ist das Wertvollste an diesem Video gar nicht das Martini-Glas selbst, sondern die Denkweise dahinter.
Der Sprecher stellt mehrere übliche Annahmen infrage:
- Immersion muss nicht grob gemahlen sein
- Klarheit entsteht nicht nur durch Papierfilter
- sanfte Agitation kann sinnvoller sein als totale Ruhe
- Cupping ist nicht nur Bewertungswerkzeug, sondern auch eine legitime Genussmethode
Für alle, die Kaffee nicht bloß konsumieren, sondern verstehen wollen, ist das eine wichtige Erinnerung: Brühmethoden sind keine starren Rituale, sondern Systeme mit physikalischen und sensorischen Konsequenzen.
Grenzen und offene Fragen
So charmant die Methode ist: Nicht alles ist universell geklärt.
Ein paar Punkte bleiben bewusst offen oder sind nur als persönliche Präferenz formuliert:
- Die optimale Wassertemperatur ist im Video nicht allgemeingültig definiert
- Der genannte Mahlgrad in Mikron ist hilfreich, setzt aber eine Mühle und Messlogik voraus, die nicht jede Heimbarista-Person exakt abbilden kann
- Der angegebene Extraktionswert von etwa 20–21 % wird genannt, aber die genaue Messmethode wird nicht spezifiziert
- Wie stark sich verschiedene Röstgrade verhalten, wird nur angerissen, nicht systematisch erklärt
Das heißt nicht, dass die Methode unsauber ist. Es heißt nur: Sie ist eher ein Prinzip mit Leitplanken als ein absolut fixes Rezept.
Key Takeaways
- Martini-Glas-Cupping ist im Kern eine trinkbar gemachte Cupping-Methode: viel Immersion, viel Ausdruck, weniger Chaos in der Tasse.
- Wasser zuerst, Kaffee danach ist der entscheidende Trick, um feine Partikel besser zurückzuhalten.
- Feiner mahlen als bei typischer French Press kann hier sinnvoll sein, weil die Extraktion vollständiger und geschmacklich klarer wird.
- Sanfte Agitation verbessert die Gleichmäßigkeit, ohne unnötig viel Sediment freizusetzen.
- 6 bis 7 Minuten Ziehzeit sind ein guter Startpunkt für diese Methode.
- Am Ende umrühren ist wichtig, damit sich unterschiedlich konzentrierte Schichten verbinden.
- Optionales Nachfiltern mit Papier macht die Tasse deutlich cleaner, ohne den Cupping-Charakter komplett zu verlieren.
- Ideal für kleine Dosen und teure Kaffees: Du bekommst viel sensorische Information aus wenig Bohnen.
- Am besten mit konisch geformtem Gefäß, damit der Kaffee vollständig und gleichmäßig im Wasser steht.
Fazit: Eine Nischenmethode mit echtem Mehrwert
Das Martini-Glas-Cupping ist kein reiner Social-Media-Trick und auch kein Ersatz für jede andere Zubereitungsart. Es ist vielmehr eine sinnvolle Spezialmethode für Menschen, die aus einem Kaffee möglichst viel herausholen wollen, ohne gleich eine große Cupping-Session aufzubauen.
Gerade wenn du in Berlin ohnehin zwischen Café-Besuchen, Home-Brewing und dem nächsten Beutel von der Lieblingsrösterei pendelst, ist diese Methode spannend: Sie verbindet Sensorik, Effizienz und Genuss auf eine Weise, die überraschend alltagstauglich sein kann.
Am überzeugendsten ist dabei vielleicht ihr eigentliches Versprechen: nicht den Kaffee zu "optimieren", sondern seinen Kern sichtbarer zu machen. Und genau das ist bei Spezialitätenkaffee oft der Punkt, der den größten Unterschied macht.
Source: "The Easiest Most Delicious Way to Brew Coffee" - Lance Hedrick, YouTube, Jul 12, 2025 - https://www.youtube.com/watch?v=4a6M7ekqlPw